
Als Stadtdechant Michael Janßen vor 40 Jahren zum Priester geweiht wurde, gab es in Mülheim 15 katholische Pfarrer. Heute gibt es neben ihm, der die Stadtpfarrei St. Mariae Geburt leitet, nur noch seinen Amtsbruder Christian Böckmann, der als Doppelpfarrer an der Spitze der Pfarrgemeinden St. Barbara und St. Mariä Himmelfahrt steht. Wenn man den 65-jährigen Priester nach dem Grund seiner Berufswahl fragt, kommt er auf den Konzilspapst Johannes XXIII. zu sprechen. „Sein Charisma, mit dem er die Welt umarmte, habe ich auch bei Papst Franziskus gespürt“, sagt Janßen. Die weltweite Begeisterung für Franziskus und das weltweite Interesse an dessen Nachfolger Leo XIV. interpretiert Janßen mit „einer großen Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben auf dieser Erde und über den Tod hinaus ins ewige Leben.“ Diese Sehnsucht erfährt auch er als Seelsorger vor Ort. „Wenn Menschen heute aus der Kirche austreten, hat das in der Regel nichts mit ihrem Glauben an die Frohe Botschaft und den Geist der Bergpredigt zu tun“, schildert Janßen seine Gespräche und Briefwechsel mit Menschen, die die katholische Kirche verlassen haben. Ihren Vertrauensverlust durch die sexuellen Missbrauchsfälle im Priesteramt und deren als unzureichend empfundene Aufklärung, hört er immer wieder als Hauptgrund für den individuellen Kirchenaustritt.
„Die Kirche ist mehr als eine Institution. Kirche sind wir alle“, sagt der Pfarrer und Stadtdechant. „Wir haben als Kirche große Heilige, aber auch große Sünder hervorgebracht“, räumt der katholische Priester ein, der auch nach 40 Jahren: „für meinen schönen Beruf mit Leidenschaft brennt.“
Über die Zukunft der Kirche macht er sich keine Illusionen. „Die priesterzentrierte Kirche ist an ihr Ende gelangt. Und das Diakonat der Frau ist überfällig“, blickt Janßen auf die Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche. Auch die Priesterweihe von verheirateten Männern, die sich in Ehe und Familie bewährt haben, ist für ihn kein Tabu. Das Entwicklungsstadium der katholischen Kirche vergleicht er mit den Jahreszeiten. „Im Zweiten Vatikanischen und Ökumenischen Konzil und in den Jahren danach hat die Kirche ihren Frühling erlebt. Und jetzt erleben wir ihren Herbst, in dem wir das abgeerntete Feld pflügen und neu besäen müssen, ohne die neuen Früchte schon ernten zu können.“
Diese neuen Früchte, die von der Öffentlichkeit noch unbeachtet heranwachsen, sieht Janßen in Menschen aus allen Generationen, „die sich von der Frohen christlichen Botschaft begeistern lassen und das Evangelium leben, ohne daraus ein großes Aufheben zu machen.“
Mit Blick auf die Zukunft der Kirche sagt Janßen: „Wir müssen den synodalen Weg weitergehen und unsere Kirche auf diese Weise in die Zukunft führen, sie auf dem Fundament der Heiligen Schrift erneuern, die Tradition in den Blick nehmen und auf den Glaubenssinn des Volkes Gottes hören.“ Die Zukunft der Stadtkirche sieht Janßen in einer Pfarrgemeinde mit einer auf dem Kirchenhügel zentralisierten Verwaltung, „flankiert von vielen Orten, an denen das Christentum gelebt wird.“ In seinen Augen „sollten wir Christen unseren Glauben zum Beispiel in der Familie, in der Nachbarschaft, in Schulen, Kindertagesstätten, in Bibel- und Familienkreisen leben und uns nicht an Gebäude klammern, die wir uns finanziell nicht mehr erlauben können.“
Schon in der zunehmend säkularisierten und multikulturellen Gegenwart erkennt der Stadtdechant die wachsende Bedeutung der haupt- und ehrenamtlich qualifizierten und aktiven Laien, der ökumenischen Zusammenarbeit, des interreligiösen Dialogs und der projektorientierten Gemeindearbeit. Letztere reicht für ihn vom Ökumenischen Fest auf dem Kirchenhügel über Mittagstische für Bedürftige bis hin zu kirchenmusikalischen Chorprojekten. „Wir werden als Kirche kleiner. Das bedeutet aber nicht, dass wir Menschen mit unserer Frohen Botschaft nicht begeistern und überzeugen können, wenn wir selbst davon überzeugt und begeistert sind“, betont der Priesterjubilar. Deshalb freut er sich auch darauf, dass er sein Berufungsjubiläum am 25. Mai um 15 Uhr in der Marienkirche an der Althofstraße 5 nicht nur mit Gästen aus der katholischen Stadtkirche, sondern mit Gästen aus verschiedenen Kulturen, Konfessionen und Religionen feiern kann.
Das Jahr 2025 ist ein Heiliges Jahr, für das der verstorbene Papst Franziskus das Motto »Pilger der Hoffnung« verkündet hat. Deshalb möchten wir das Heilige Jahr begehen, indem auch wir (wer kann und mag) zu Pfingsten »pilgern«. Pilgern bedeutet, dass man sich allein oder in einer Gruppe per Fahrrad oder zu Fuß auf einen bestimmten Weg macht, einen Weg, der über gut ausgewählte Pfade zu einem besonderen Ziel führt. Unser „besonderes Ziel“ ist es, im Juni 2025 zu Pfingsten erstmalig einen gemeinsamen und zentralen Gottesdienst der katholischen Stadtkirche Mülheim an der Ruhr zu feiern.
Mögliche Pilgerwege:
St. Mariae Geburt / Hl. Geist: Treffpunkt um 9.15 Uhr in St. Mariae Geburt, von hier führt der Weg nach Hl. Geist. Um 9.50 Uhr geht es von dort weiter nach St. Raphael. Die Wegstrecke beträgt insgesamt 4,5 km und führt am Ende über einige Treppen.
St. Theresia: Treffpunkt um 9.45 Uhr an der Kirche St. Theresia. Von hier aus geht es nach St. Joseph, wo es zum Zusammenschluss mit den dortigen Teilnehmern kommt und weiter nach St. Raphael.
Wer nicht den ganzen Weg (3,5 km) zu Fuß gehen möchte, hat die Möglichkeit, an der (H) Heißen Kirche
in die U 18 zu steigen.
St. Joseph: Treffpunkt um 10.15 Uhr an der Kirche – dort treffen sich die Gruppen aus St. Theresia und St. Joseph, um den restlichen Weg gemeinsam zu gehen.
Die Pilgerwege der anderen Pfarreien finden Sie auf den jeweiligen Hompages.
Wir feiern den Pfingstgottesdienst am 8. Juni 2025 um 11:00 Uhr im Caritas-Centrum St. Raphael,
Hingbergstr. 176, 45470 Mülheim an der Ruhr
Beachten Sie bitte, dass am Pfingstsonntag keine weiteren Gottesdienste gefeiert werden.
Sollte die Teilnahme am gemeinsamen Pfingstgottesdienst nicht möglich sein, empfehlen wir den Besuch der Vorabendmesse in St. Mariae Geburt oder in St. Joseph!

„Der Papst aus den USA ist ein totaler Kontrapunkt zu Trump“
Mülheims Stadtdechant Michael Janßen schätzt den neuen Papst Leo XIV. als mutigen Pilger ein, kraftvoll weit über die katholische Kirche hinaus.
Der Mülheimer Stadtdechanten Michael Janßen, der vor 40 Jahren zum Priester geweiht wurde, sieht im neuen Papst Leo XIV. ein Kirchenoberhaupt, das den Mächtigen ins Gewissen reden kann.
Unsere Redaktion befragte ihn unter dem Eindruck der ersten Rede des neuen Pontifex.
Was ist Ihr erster Eindruck von Papst Leo XIV.?
Wir haben einen neuen Papst, der in die Fußstapfen seines Vorgängers treten wird, ohne dessen Kopie zu sein. Er wird vieles, was Franziskus angestoßen hat, weiter vorantreiben. Das zeigt die Tatsache, dass er den synodalen Prozess explizit genannt und betont hat, dass er als Papst mit uns Christ ist und Brücken bauen will.
Was sagt Ihnen die Wahl des Papstnamens?
Als Leo XIV. knüpft der neue Papst, an den Begründer der katholischen Soziallehre, Leo XIII. an. Auch Leo XIV. versteht das Papstamt, wie sein Vorgänger Franziskus,als Auftrag, mutig für das Primat der Armen, der Flüchtlinge
und der Migranten, für den Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Der Papst aus den USA, der als Bischof in Peru und als Kardinal in der römischen Kurie gearbeitet hat, ist ein totaler Kontrapunkt zum US-Präsidenten Trump. Er hat die Lebenserfahrung, das Standing und das Charisma, um den Mächtigen mächtig ins Gewissen zu reden und damit, weit über die katholische Kirche hinaus, zur kraftvollen Stimme der Menschheit und der Menschlichkeit zu werden.
Was bedeutet die Papstwahl für die Ortskirche?
Seine erste Rede zeigt mir, dass Leo XIV. ein kommunikativer und charismatischer Papst sein wird, der sich als mutiger Pilger der christlichen Hoffnung versteht und deshalb nicht ängstlich, sondern voll Freude in die Zukunft schaut. Das kann uns auch hier als Christen vor Ort in einer schwierigen Zeit inspirieren und ermutigen.
Sein Hinweis auf den synodalen Prozess zeigt, dass wir mit unserem schon weit vorangeschrittenen Synodalen Weg Rückendeckung aus Rom bekommen. Das freut mich sehr und lässt mich auf ein Pontifikat hoffen, das Menschen inspiriert, weiter oder wieder als praktizierende Christen im Sinne Frohen Botschaft Jesu auf ihrem Lebensweg zu Pilgern der Hoffnung zu werden.

